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Don’t worry,
there will be more problems.


21.02. - 07.03.20

with
Eric Meier
Curated by
Malina Lauterbach and Dierk Höhne

Der Dialog zwischen dem Künstler Eric Meier und den KuratorInnen Malina Lauterbach und Dierk Höhne befindet ich am Seitenende.

The dialogue between the artist Eric Meier and the curators Malina Lauterbach and Dierk Höhne is at the bottom of the page.
































Photography © fffriedrich with courtesy of the artist and MOUNTAINS, Berlin




ML/DH Du bist 1989 in Ostberlin geboren und in Frankfurt (Oder) aufgewachsen. Welche Bedeutung hat deine Biografie für die inhaltliche Auseinandersetzung mit vermeintlich ‘typisch’ ostdeutschen Befindlichkeiten?

EM Meine Biografie ist ganz klar der Ausgangspunkt für meine Sensibilität im Umgang mit dem Thema. Meine Arbeit leitet sich davon ab. Erfahrungen in der Familie, das Umfeld der ostdeutschen Kleinstadt, die gegenwärtige politische Lage und der Umgang damit - um nur Auszüge zu nennen. All das findet sich darin wieder.

Deine Arbeiten zeigen häufig Ausschnitte städtischer Situationen, die Spuren von Verfall und Witterung tragen. Man kann sie durchaus als Auseinandersetzung mit den Problematiken der postsozialistischen Neuordnung verstehen. Geht es Dir um eine solche Gesellschaftskritik?

Ich begreife meine fotografische Arbeit als Suche nach dem metaphorischen Potential von Bildern. Ich gehe aber nie mit dem Gedanken los, dies oder jenes brauche ich noch. Das kommt zu mir. Das leicht Ruinöse, Abgenutzte zieht mich an. Den Orten selbst, die ja anonym, fragmentiert und ausschnitthaft bleiben, ist Gesellschaftskritik, glaube ich, inhärent. Im Ausstellungskontext ergeben sich dann sicher Linien, Zusammenhänge und Lesrichtungen - auch politischer Art. Ein anderer Ansatz ist der des Archivierens. Das (Bau)Material im öffentlichen Raum ist im Verschwinden begriffen. Die Bilder sprechen also von Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen. Dabei geht es nicht um Realität oder Wahrheit. Es geht um meine Identität, die von so einer Umgebung geprägt ist, die auch nach 30 Jahren noch Teil einer kollektiven ostdeutschen Identität ist.

Häufig fügen deine Werktitel inhaltliche, formalistische und deskriptive Aspekte der Arbeit in einen ambivalenten Sinnzusammenhang. So machst du mit deiner fotografischen Serie “THOR” Assoziationen zur germanischen Mythologie und deutschen Nationalgeschichte auf. Inwiefern wirken Humor und Ironie in diesem Spannungsverhältnis mit?

Wenn, dann steckt für mich die Ironie in der ‘typisch’ deutschen Geste der ‘Verschlimmbesserung’. Die Hingabe der Garagenbesitzer*innen zu der Gestaltung der Tore. Aber auch in der durch die Psychologie beschriebenen ‘German Angst’: einer ungeklärten, scheinbar den Deutschen naheliegenden Angst des Besitzverlustes, welche sich in der Anmutung der Tore spiegelt. “THOR” meint aber auch ‘Thor Steinar’, die weit verbreitete Neo-Nazi-Kleidungsfirma aus Königs Wusterhausen und verweist gleichzeitig auf den Missbrauch germanischer Mythologie durch die Nazis, die sie als ‘ur-deutsche Hochkultur’ pervertierten. In dem mythologischen Moment liegt zudem ein ungeklärtes ‘Dahinter’. Das Bewusstsein, dass der NSU solche Garagen zum Bombenbau benutzt hat.

Du hast zunächst Fotografie studiert und später dein Diplom bei Heidi Specker an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig gemacht. Deine Arbeitsweise hat sich im Laufe der Jahre immer mehr in den Raum hinein entwickelt. Was bedeutet dies für dein Verhältnis zur Fotografie?

Es gab einen Zeitpunkt, da habe ich mich durch die Fotografie limitiert gefühlt. Sie war mir zu abbildend, der Fotografiediskurs zu selbstreferenziell. Ich wusste nicht mehr so recht, was ich damit ausdrücken wollte. Ich hatte aber ein ausgeprägtes Interesse für Skulptur und Material, was ein Bildträger nur bedingt wiedergeben kann. Es schien mir logisch, das aufzubrechen.

Wir finden es interessant, wie sich die Bilder in die Raumsituationen einfügen. Welche Rolle spielt für dich der Dialog zwischen den einzelnen Werkgruppen?

Wo die Fotografie aufhört, setzt die raumbezogene Arbeit ein: Skulptur, Objekt, Text usw. Dieses Wechselspiel finde ich sehr reizvoll. Mit Bildern einen Ort oder eine Umgebung zu zitieren und diese Stimmung weiter in den Raum zu tragen, in dem das abgebildete Material physisch verformt oder fragmentiert auftaucht. Die Ausstellung begreife ich dann wie einen Kosmos oder ein Setting.

In deinen Arbeiten tauchen immer wieder Werkstoffe wie Beton oder Glas auf, die du unterschiedlich ausformulierst. Du sprichst in diesem Zusammenhang von verschiedenen Aggregatzuständen. Wie begreifst du diese Dynamik?

Die Materialien schaffen für mich unterschiedliche Bedeutungsebenen. Beton ist z.B. eine Architekturreferenz, ein billiges Material, ein Display für eine urbane Situation. Für die Glasarbeiten verwende ich gesammelte Schnapsflaschen. Mit dem Fragmentieren und Schmelzen verlieren sie ihre ursprüngliche Form und lösen sich praktisch auf. Hieraus ergeben sich dann neue Konsistenzen.







ML/DH You were born in East Berlin in 1989 and grew up in Frankfurt (Oder). What significance does your biography have for the investigation of supposedly ‘typical‘ East German sensitivities?

EM My biography is clearly the starting point for my sensitivity in dealing with this topic. My work is derived from that. Family experiences, the environment of an East German small town, the current political situation and how to deal with it, to name just a few points. All of that is reflected in it.

Your works often show sections of urban situations that show signs of deterioration and exposure to the weather. This can be understood as an examination of the problems of the post-socialist reorganization. Is such a social criticism of concern to you?

I understand my photographic work as a search for the metaphorical potential of images. But I never start thinking, I still need this or that. It comes to me. The slightly ruinous and worn out attracts me. Social criticism is, I believe, inherent in the places themselves, which remain anonymous, fragmented and fragmentary. In the context of the exhibition, lines, correlations and reading directions are certainly of a political nature, too. Another approach is that of archiving. The (building) material in public space is disappearing. At the same time, the pictures speak of the past and the present alike. It is not about reality or truth. It's about my identity, which is shaped by such an environment that is still part of a collective East German identity even after 30 years.

Often your work titles put content, formalistic and descriptive aspects of the work into an ambivalent context. With your photographic series "THOR" you create associations with Germanic mythology and German national history. To what extent do humor and irony contribute to this tense relationship?

If so, then the irony for me is in the ‘typical’ German gesture of ‘Verschlimmbesserung’ (improving things for the worse). The dedication of each garage owner to design his / her gate. Also in the ‘German Angst’ as described by psychology: an unexplained, apparently obvious fear of loss of property, which is reflected in the appearance of the gates. “THOR” also means ‘Thor Steinar’, the widespread neo-Nazi clothing company from Königs Wusterhausen, and at the same time refers to the abuse of Germanic mythology by the Nazis, which perverted them as ‘primordial German high culture’. In the mythological moment there is also an unexplained ‘behind’. The awareness that the NSU used such garages to build bombs.

You first studied photography and later completed your diploma with Heidi Specker at the Hochschule für Grafik und Buchkunst / Academy of Fine Arts Leipzig. Your way of working has evolved more and more into space over the years. What does this mean for your relationship to photography?

There was a time when I felt limited by photography. It was too illustrative for me, the photography discourse too self-referential. I didn't really know what I wanted to say. However, I was very interested in sculpture and material, which an image can only reproduce to a limited extent. It seemed logical to me to break it open.

We think it's interesting how your pictures fit into the spatial situation. What role does the dialogue between the individual groups of work  play for you?

Where photography ends, spatial work begins: sculpture, object, text, etc. I find this interaction very appealing. To quote from a place or an environment with pictures and to carry this mood further into the room in which the depicted material appears physically deformed or fragmented. I then understand the exhibition like a cosmos or a setting.

In your work, materials such as concrete or glass appear again and again, which you formulate differently. You speak of different states of matter in this context. What does this dynamic mean for you?

For me, the materials create different levels of meaning. Concrete e.g. is an architectural reference, a cheap material, a display for an urban situation. I use collected schnapps bottles for the glass work. Through fragmentation and melting they lose their original shape and practically dissolve. This results in new consistencies
.

(Translation: Klaus-R. Voss)